Viele Jahre später, nachdem gewisse Geschehnisse am Stausee mir längst entfallen waren, überkam mich so ein modriger Geruch...
Marco
Götz
Eine Große Fee

Roman
... und es dauerte nicht lang und in einem Nachtsichtgerät konnte man flimmernde Gestalten in einem grünlich erhellten Dunkel erspähen. Währenddessen Totenstille herrschte...

Breathe, breathe in the air.
Don't be afraid to care.
Leave but don't leave me.
Look around and
choose your own ground.Breathe (Richard William Wright, David Jon Gilmour, George Roger Waters)
... Der Boden vibrierte. Tiefe Bässe wabernden durch den Beton. Es geschah, dass der dumpfe Nebel aus unzähligen Schmutzwassertröpfchen sank. Und vor meinen Füßen zu einer pechschwarzen Lache zusammenlief...
Was längst versunken ist...
... Ich zögerte, dann setzte ich vorsichtig den großen Zeh auf die äußerste Rille am rotierenden Rand. Der Sound, der sich auf mich jetzt übertrug, sagte mir doch was ...
... In einiger Entfernung hockte da Frank Zappa. Auf dem Klo. Halbnackt, die Hosen heruntergelassen, die Arme verschränkt ...
... Zappa machte eine einladende Geste, ohne sich vom Klo herunterzubemühen, als böte er ein Spiel an. Er holte aus dem Dunkel einen ersten zerlumpten Scheuerlappen hervor. Mit spitzen Fingern. Und lies ihn mit Schwung auf den Haufen zwischen uns fallen ...

Yeah!
Ich bin der Himmel
Ich bin das Wasser
I am the sky and the water
Ich bin der Dreck unter deinen Walzen
Ich bin dein geheimer Schmutz
Und verlorenes Metallgeld
Unter deine Ritze
Ich bin deine Ritze und SchlitzeSofa #2 (Frank Zappa)
... War ich so leichtsinnig dünnbekleidet? Hatte ich nichts weiter als die klitschnasse Spritzjacke an? In meinem Rücken öffnete sich eine Tür zum Spalt. Schummriges Licht fiel herein. Mir war, ich fror ...
©️ Marco Götz, 2026
... Eine Weile noch, würde ich sagen, und hielte die Lider fest geschlossen. ...

Der Himmel hatte immer zwei Hälften.
Die Eine lag mit all ihren Fixsternen über uns.
Unter der Anderen, so scheint es heute, werfen wir keinerlei Schatten.
... Über den Hang hinaus war der Atem von Moder und Lauge zu riechen, welcher über dem Stausee als ein befleckter Schleier hängen blieb. Beschienen von einem gilben Licht. Ich war ahnungslos wie spät es schon ist, denn in den Armbanduhren war die Zeit stehen geblieben ...
Ebook, To Go
... Unter meinen Füßen lief die Brühe zu einer Lache zusammen. Die Lache schwoll rasant an und bald fanden sich karussellgroße Stromschnellen darin, die dunkle Brühe ergoss sich im Schwall über ein talbreites Wehr ...

Im September 1966 kam ich in der Poliklinik der Kreisstadt Lobenstein zur Welt. An einem Dienstag. Es war erst zwei Tage her, dass die Kirmis im nahegelegenen Ortsteil Saaldorf im Gasthaus Götz zu Grabe getragen worden war. Immer am letzten Wochenende im September, immer am Sonntag, immer mit einer Schnappsleiche im blumenumrankten Sarg, immer Punkt Mitternacht? Die Sargträger schwankten im blauen Dunst, im Trauerzug trug man einen Schweif aus Gerste am Kirmeshut und lädierte Blumenanstecker am linken Revers, die Kirmiskapelle war leidenschaftlich blau und in Fetzen weithin über die Stauseeplatte der Bleilochtaalsperre zu hören. Das Gasthaus Götz an der Fernverkehrstraße warb im Schaukasten vor dem Tanzsaal mit Kloßgerichten und einer Stauseepromenade, die es nie gab, und zog Ausflugsgäste der Weißen Flotte an, die sich von Saaldorf etwas versprachen und hier von Bord gingen. In den Tagen meiner Geburt herrschte Altweibersommerstimmung am Thüringer Meer. Meine hochschwangere Mutter hatte in der Kirmisnacht eine Hand am Sarg, und schuf damit eine unzertrennliche Verbindung zwischen den hießigen Verhältnissen und mir. Stunden vor meiner Geburt.

Das Terrain meiner Kindheit erschien mir langezeit grenzenlos. Von einer Sojus aus gesehen, die in diesen Tagen mit Gewissheit im Kosmos über einem kreiste, war mein Terrain ein Punkt im Grenzverlauf zwischen West und Ost. Ich wuchs in einem magischen Dreieck des süd-ost-thüringischen Schiefergebirges zum Halbwüchsigen heran, begrenzt von den Neubaublöcken am Rande der Kreisstadt, der Staumauer der Bleilochtalsperre und den Warnschildern im Wald mit denen das Sperrgebiet begann. Ich kam in die Schule und war bis zur Abschlussfeier vor allem außerschulisch aktiv: Kanurennsport, Tenorhorn im Jugendblasorchester, Schiffsmodellbau, mit einem Faible für Seenotrettungskreuzer, vorübergehendes Mitglied in der Foto AG, Briefmarkensammler, eifriger Nutzer der Kreisbibliothek, Selbststudium der Kleinen Imkerschule und ich machte mich mit einer Unterschriftensammlung für die Freiheit von Angela Davis nur vermeintlich verdient, als ich Nachmittags im Neubaugebiet Klingelputzen ging, zu einer Stunde, in der kein Werktätiger zu Hause sein konnte. Kurzerhand schrieb ich die Namen der Abwesenden vom Klingelbrett ab. 1972 war ich sechs Jahre alt.
+++ ’73 Umzug vom Neubaublock in der Kreisstadt ins Neue Haus am Stausee +++ In den Achtzigern Reisen mit Jugendtourist nach Minsk, nach Jugoslawien auf die Inselgruppe Brioni, Berufsausbildung zum Elektronikfacharbeiter mit Abitur in Gera, Teilnahme am Bezirksausscheid Stärkster Lehrling, abgebrochene Fallschirmspringerausbildung bei der GST, einen Sommerlang am Scheideweg zwischen Bluesgitarrist und CAD/CAM Spezialist +++ den Grundwehrdienst in Leipzig überlebt +++ 88‘ Studium der Informationstechnik in Dresden +++ seither in Dresden und Umgebung unterwegs +++ in den Neunziger wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden. Forschung und Publikationen auf dem Gebiet der Chaostheorie +++ ‘97 einschlägig promoviert +++ seit Millennium Chip-Designer +++ Forschungsaufenthalte in Atlanta, Netanja und Pangyo +++ ab 2013 Verfasser von belletristischen Texten +++ Autofiktional +++ Und unter dem Radar +++

